Carl Andre, 1935

64 Lead Square, 1968 0,8 x 25 x 25 cm (gesamt 0,8 x 200 x 200 cm)

Der amerikanische Künstler Carl Andre gehört zu den führenden Vertretern der Minimal Art und ist der bekannteste Wegbereiter für das Konzept der „Skulptur als Feld". Mitte der 1960er Jahre gelang es Andre, einen völlig neuartigen Begriff von Skulptur zu entwickeln: Anstatt in das Material zu schneiden oder es zusammenzufügen, wird es als Schnitt in den Raum eingesetzt. Seine Arbeiten werden direkt auf den Boden gestellt, um den Raum zu erobern. Diese unaufdringlichen Bodenplastiken, wie z.B. 64 Lead Square, kennzeichnen einen neuen Ort im Raum. Dem Kunstrezipienten ist es möglich, die Platten zu begehen und somit in direkten Kontakt mit dem Kunstwerk zu treten - er nimmt sowohl sich selbst als auch die Beschaffenheit der Quadrate wahr.

 

Mönchehaus Museum Goslar
Palais des Mirages - Werke aus der Sammlung FER -
Juli 2009

Inverted Tau (Timber Piece), 1960/1971 2 Holzbalken je ca. 31 x 31 x 92 cm ges. ca. 123 x 92 x 31 cm

Für Andre sind die ersten Arbeiten, die konsequent und rein seinem plastischen Verständnis entsprechen, die der »Element Series« von 1960. Sie besitzen alle Kriterien, die er an eine Skulptur und ihre Elemente stellt: sie sind einfach, vorgefertigt, austauschbar und dreidimensional. Sie können einzeln oder in Verbindung miteinander stehen oder liegen und sind nur dem Gesetz der Schwerkraft unterworfen. Sie brauchen keine Manipulation außer ihrer Platzierung im Raum, um der primären Definition von Skulptur gerecht zu werden: »Die Funktion der Skulptur ist, Raum zu ergreifen und zu halten.« (Carl Andre, 1965)

 

62 Straight Nail Run, 1969 62 Eisennägel je 15 cm (Länge ges. 950 cm)

Obwohl (oder weil) die »Element Series« aus einfachsten Konstanten besteht - Holzbalken der Normgröße 12 x 12 x 36 Inches, die innerhalb eines »elementaren«, symmetrisch-zweiaxialen Systems in unterschiedlicher Weise zueinander in Verbindung treten -, war Andre zunächst nicht in der Lage, die Arbeiten auszuführen. Geldmangel (Judd: Es braucht Geld, um Kunst zu machen!) und das Desinteresse von Galeristen und Sammlern führten dazu, dass die meisten dieser 1960 projektierten Skulpturen erst gut zehn Jahre später realisiert werden konnten (siehe die Datierung von »Inverted Tau«/umgekehrtes Tau: 1960/1971; die griechische Bezeichnung für den Buchstaben T ist eine Anspielung auf die archaische Wirkung der Skulptur). Andre verließ darum New York und arbeitete vier Jahre lang als Bremser und Zugführer der Pennsylvania Railroad. In dieser Zeit entstanden keine Material-Arbeiten, aber eine Anzahl von Gedichten, in denen er die Wörter - analog zu seinen Skulpturen - als Elemente eines Ordnungssystems verwendet. Die Gewohnheit, klare, differenzierte Gedichte zu »bauen«, behielt Andre auch später bei.

 

Christel Sauer
Katalog DIE SAMMLUNG FER - THE FER COLLECTION
Köln, 1983

German Poem, 1967 35,5 x 27,4 cm

Carl Andre begreift diese Serien nicht als zweidimensionale Arbeiten, die nur den Boden markieren, in seiner Vorstellung besetzen sie den Raum, so dass der Betrachter sich der Luftsäulen auf den einzelnen Platten bewusst wird. Die Bodenarbeit bildet eine räumliche Zone. Andre vergleicht dies mit der Betrachtung einer Landschaft, die ebenfalls als ein dreidimensionaler Raum wahrgenommen wird und nicht als bloße Grundfläche.

 

Materialeigenschaften: Die Wahrnehmung der unterschiedlichen Eigenschaften, wie Gewicht, Glanz, Struktur, Dichte und Masse, wird durch die Anordnung unterstützt. Die visuellen Eindrücke des Kontrastes verweisen indirekt auf die charakteristischen Eigenschaften des Materials. Seine spezifische Masse, seine Dichte und seine Schwerkraft teilt sich nach Meinung Carl Andre's bereits allein durch den Sehsinn mit. Auf die im Herstellungsprozess entstandenen Unregelmäßigkeiten der einzelnen Formelemente, wie in der Arbeit 64 Lead Square werden wir erst in der seriellen Anordnung Carl Andre's aufmerksam. Für Carl Andre hat jedes industriell hergestellte Material, ob nun Ziegelstein, ein Holzblock oder die verschiedensten Metalle besondere sinnliche Qualitäten, die in seinen Arbeiten offenbar werden.

 

Christiane Jürgens
Im Ausstellungskatalog Minimal Art - Aus den Sammlungen FER, Fröhlich und Siegfried Weishaupt
Museum für Neue Kunst MNK/ZKM Karlsruhe, März-April 2001

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