Robert Barry, 1936

Konzept-Kunst wird oft als eine Kunst der Ideen beschrieben. Aber Ideen existieren nie in einem Vakuum, losgelöst von unserem Wissen von der materiellen Welt, und sie existieren auch nicht außerhalb der kulturellen Übereinkunft und der Sprache.

 

Es sei in diesem Zusammenhang nur an den Renaissance-Wissenschaftler Fra Luca Pacioli erinnert, der meinte: „Nichts ist im Verstand, das vorher nicht in den Sinnen war." Seine Werke bilden ein Kompendium von Ideen, die uns auch heute noch herausfordern, da die Gesellschaftsordnung von neuen Erschütterungen heimgesucht wird und erneut die individuelle Freiheit bedroht ist. Es gibt gute Gründe, die Vergangenheit sorgfältig zu studieren, auch die jüngste Vergangenheit, repräsentiert durch Barrys Werk, in dem die Vision durch den Intellekt geschärft und Intellekt und Geist durch die Kunst befreit werden.

 

Robert Barry begann seine künstlerische Karriere als Maler, doch von Anfang an galt sein Interesse der Untersuchung der Verhältnisse von Fläche und Raum, von Positiv zu Negativ, anwesenden und abwesenden Formen sowie der Ergänzung von Leerformen durch den Betrachter. Äußerst konsequent trieb Robert Barry bereits ab 1967 sein Werk zunehmend an die Grenze zur Immaterialität und Unsichtbarkeit.

 

Barry ist nicht Künstler, nur weil er denkt, sondern er ist jemand, der ein Eidos anstrebt, eine höhere sinnliche Wahrnehmung. Er ist mit dem Vorgang der Wahrnehmung beschäftigt und nimmt nur diesen wahr.

 

Vermutlich sind an keinem anderen Ort so viele bedeutende und unterschiedliche Barry-Arbeiten vereinigt wie in der Sammlung FER. Barry selbst betont diesen Glücksfall ausdrücklich.

 

»Meine Sache ist, einem Wort zu erlauben, es selbst zu sein. Es ist etwas. Es ist ein dynamisches Etwas - ich meine, es hat Energie, und es ist auch suggestiv...«

 

Die »Limite der Wahrnehmung« überschritten hatte Barry in dem Moment, als er Arbeiten aus Stoffen herstellte, die zwar vorhanden, jedoch nicht optisch erkennbar waren: Gase, elektromagnetische Felder, Strahlen (Radiation Piece, 1969) und Radiowellen.

 

Barry registrierte, dass seine Bilder in jedem räumlichen Kontext andere Wirkung zeigten, und begann, Bild und Raum bewusst aufeinander zu beziehen (Painting in Four Parts, 1967). Dies war der Beginn der Beschäftigung mit nicht sichtbaren Phänomenen, z.B. Mengenverhältnissen an der Grenze des Vorstellbaren, wie er sie in One Billion Dots, 1968, Punkt für Punkt zur Anschauung brachte.

 

Die Vorstellung, dass ein Gas wie Argon oder Helium zu „unbestimmter Ausdehnung" zurückkehrt, zeugt von einem Wissen um das Unsichtbare als eine neben dem Sichtbaren wesentliche Komponente.

 

»In den Bildern sind die Bäume nie wirklich einfach nur Bäume. Sie sind so etwas wie die Lebenskraft des Baumes ... Die Lebensadern in einem Baum. Oder die Adern unter der Haut. Und es gibt den verborgenen Teil des Baumes, die Wurzeln unter der Erde, den man nicht richtig sehen kann, aber er ist genauso wichtig wie der Teil, den man sehen kann. Mit gefällt auch die Art, wie er die Zeit widerspiegelt. Ich meine, er ändert sich ständig: die Blätter kommen und gehen. Wechseln die Farbe. Er verjüngt sich selbst, er ist ein lebendiges Wesen, und ich habe das benutzt, um in den Projektionen den Zeitwandel zu zeigen.

 

Die Wörter, die ich verwende, sind sehr stark. Sie sind nicht einfach etwas zum Angucken. Sie tragen Bedeutung. Sie tragen ein eigenes Leben. Sie sagen sich selbst an. Ich würde sagen, es gibt sehr viel Geistiges im Materiellen und sehr viel Materielles im Geistigen. «

 

Texte von: Robert C. Morgan, Robert Barry und Christel Sauer

 

Barrys Arbeiten vermitteln keine An-Sichten sondern Ein-Sichten und die daraus erwachsende Haltung. Sie sind Suche nach Substanz.

 

FER

 

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