Rineke Dijkstra, 1959

Von zwei Fotografien blickt eine junge Frau dem Betrachter freundlich entgegen, in der Manier eines klassischen Brustbildes, mit nackten Schultern und in jeweils identischer Pose. Unwillkürlich sucht der Betrachter nach Unterschieden - ist dies dieselbe Frau, sind es zwei Schwestern? Er findet kleine, dennoch augenfällige Details an Frisur, Augen, Mund. Die Aufnahmen sind im Abstand von 5 Monaten entstanden, und die Frau auf dem späteren Bild wirkt entspannter, bei aller Ähnlichkeit erheblich jünger. Tatsächlich handelt es sich um dieselbe junge Frau, Tia, die die holländische Künstlerin Rineke Dijkstra für ihre gleichnamige Arbeit zweimal nach der Geburt ihres Kindes porträtiert hat. Die (Selbst-) Darstellung des Menschen ist Dijkstras Thema - Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen wie zum Beispiel der Pubertät, der Wehrpflicht oder auch dem Wochenbett. Meist frontal als Halbporträt oder in ganzer Figur, alleine oder in Kleingruppen präsentieren sich die Porträtierten ihrer Kamera - in selbst gewählter Pose und ohne weitere Requisiten; oft ein wenig unsicher, verletzlich. Die Zurückhaltung der Fotografin bei diesem Vorgang spiegelt sich in der hellen Farbigkeit der Arbeiten wider, die sie durch die Verwendung eines Blitzes erreicht. In der Reihung überlagern sich die Aufnahmen ihrer Serien und ergeben ein komplexes Gesamtbild; sie erzählen von der Suche der Dargestellten nach ihrer Identität und Individualität in ihrer speziellen persönlichen Situation. „Für mich", so Dijkstra, „ist es essentiell zu verstehen, dass jeder allein ist. Nicht im Sinne von Einsamkeit, sondern mehr in dem Sinn, dass niemand den anderen je ganz verstehen wird."

 

Mönchehaus Museum Goslar
Palais des Mirages - Werke aus der Sammlung FER -
Juli 2009

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