Sylvie Fleury, 1961

Die Schweizerin Sylvie Fleury ist eine schillernde Person in der Kunstwelt und bekannt für ihre Inszenierungen der Mode, des Luxus und Jetsets. Die hochglanzlackierten, verchromten oder vergoldeten Oberflächen ihrer Werke glitzern ebenso perfekt wie es die allgegenwärtige Werbeästhetik und die Yellow Press so meisterhaft verstehen. Ihre Arbeiten und aufwendigen Inszenierungen erscheinen auf den ersten Blick wie eine Bestätigung der Wertmaßstäbe der Konsumgesellschaft: Die Welt ist schön, und noch viel schöner ist sie, wenn man reich genug ist, die Dinge zu besitzen! Denn dies bedeutet Macht, die letztlich gleich zu setzen ist mit dem ewigen Wunsch nach Liebe.


Doch lautet ihre Botschaft wirklich so? Kommentiert Fleury nicht vielmehr hintergründig den schönen Schein, den unablässigen Wunsch nach „schneller, größer, besser"? Ihre glamourösen Inszenierungen und die schmucken Oberflächen ihrer Objekte, Wandarbeiten und Rauminstallationen erhalten einen Eigenwert, der jenseits simpler Produktwerbung oder bloßer Inszenierung von Markenzeichen liegt. Die von ihr aufgegriffenen Slogans sind damit nicht nur Logos international bekannter Modehäuser oder Hochglanzmagazine. Vielmehr nutzt Fleury diese Zeichen und die mit ihnen verbundenen Wunschbilder, um unsere Sehnsucht zu stillen - kitschig und kritisch zugleich.

 

Viele ihrer Werke sind von Farbpsychologie und Esotherik geprägt. Die Auseinandersetzung mit dem Warenfetischismus als magische Aura, dem Drang nach Schönheit, Geschwindigkeit, Jugend und Erhabenheit bestimmen ihr Oeuvre.

Aber sie bezieht sich mit Arbeiten auch auf Klassiker der Moderne, namentlich Piet Mondrian und verweist damit auf ein vorhandenes System. Hiermit stellt auch sie die in der Appropriation Art wesentliche Frage nach Autorschaft, Original und Kopie, generell nach den Wertmaßstäben im Kunstsystem.

Nicht zuletzt stellt ihr Neon-Signet eine Forderung als Frage, die wirtschaftlich, ökologisch und auch kulturell längst beantwortet wurde, gleichwohl der globale Wettbewerb eine neue und mitunter erschreckend reale Dimension des „FASTER! BIGGER! BETTER!" offenbart.

Mönchehaus Museum Goslar
Palais des Mirages - Werke aus der Sammlung FER
Juli 2009

Die Schönheit der Dinge liegt in der Seele dessen, der sie betrachtet.

David Hume

Brauchbarkeit ist nicht die Ursache der Schönheit.

Edmund Burke

Eine Portion Humor ist bei der Betrachtung der Werke ebenso angebracht wie er bei ihrer Anfertigung vorauszusetzen ist. Fleury leistet ihren ganz eigenen, um viele neue Facetten bereicherten Beitrag zu dem Recht auf eine geistreiche, das heißt aber auch vergnügliche Kunstbetrachtung.

 

Die permanente Ablösung des modisch gerade noch Aktuellen durch den „letzten Schrei" beinhaltet zugleich das Lebensprinzip des Auratischen in der Mode. Es ist ihre Entzauberung (Adorno), die Veralltäglichung des Charismatischen (Weber), letztlich die Zertrümmerung der Aura (Benjamin), die den Keim für den Neubeginn in sich trägt. Dieses Paradox, von Benjamin und Adorno in der Diskussion des Aura-Begriffs unterschiedlich bewertet, bietet einen weiteren Text als „Lektürehilfe" für das Werk Sylvie Fleurys an.

 

Eines der von ihr vereinnahmten Zeitschriftencover, die deutsche Vogue-Ausgabe vom November 1994, verwendet alle diese Begriffsfelder: über die Mode (den „neuen Look") wird das Versprechen einer bestimmten Aura gegeben („Gefährlich schön"); Edelsteine, Kristalle und Magie finden sich zusammen, um das Geheimnisvolle der abgebildeten Schönheit zu unterstreichen. Zugleich findet eine Funktionalisierung der Begriffspaare statt, die jeweils mit Macht und mit einer anziehenden Aura verknüpft sind: Gefahr - Schönheit, Geld - Magie, Edelsteine - Liebe.

 

Es gibt einige zentrale Begriffe, die für Sylvie Fleury und damit auch für jede Betrachtung ihres Werkes eine besondere Bedeutung besitzen. Aura und Fetisch sind zweifellos zwei Begriffe, die im Zentrum der Diskussion stehen müssen, genau so wie derjenige der Mode, besitzt doch die Mode auratische und fetischistische Züge im Überfluss.

 

Fleurys weiße, kursiv vorwärts drängende Neonschrift „FASTER! BIGGER! BETTER!" von 1999 entstammt einem Kontext außerhalb des kunstimmanenten Ansatzes von Kosuth. Als Slogan spricht sie den Betrachter an, drängt sich ihm als Lebens- bzw. Lifestylemaxime auf - und entlarvt sich damit selbst als kommerzielles Konstrukt menschlicher Wünsche.


Das von christlichen Inhalten losgelöste Transzendieren des Materiellen, das „Abheben" in einen neuen Weltraum - dafür können Fleurys Raketen als Bilder menschlicher Sehnsucht nach Entgrenzung einstehen.


Das Sinnliche und das Übersinnliche gehen bei Sylvie Fleury eng zusammen und daher bietet diese Dichotomie zweier Seinsformen von auratischer Empfindung einen idealen Ansatzpunkt zur Beschäftigung mit ihren Arbeiten.

 

Katalog
Sylvie Fleury 49 000
Museum für Neue Kunst / ZKM Karlsruhe, 2001

FASTER! BIGGER! BETTER!, 1999 Neonschrift 40 x 410 x 10 cm FASTER! BIGGER! BETTER!, 1999 Neonschrift 40 x 410 x 10 cm
Wow 9, 2006 PU-Schaum-Objekt Gips, Fiberglas, Lack 125 x 88 x 20 cm Wow 9, 2006 PU-Schaum-Objekt Gips, Fiberglas, Lack 125 x 88 x 20 cm

Sylvie Fleurys Objekte aus der "Wow"-Reihe, deren Titel dem Taoismus entstammt, wirken wie eine erstarrte, schimmernde Masse. Ihr undefinierbares Äußeres lässt sie gleichermaßen organisch wie künstlich erscheinen.

 

Sven Beckstette

 

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