Liam Gillick, 1964

Das Zusammenfügen von Materialien, Objekten, Fakten, Wissensfragmenten und Vermutungen um etwas herum, das selbst nicht greifbar ist, scheint von Anfang an eine Methode im Werk von Liam Gillick zu sein. Es impliziert eine Sicht der Welt als reine Konstruktion, in der Wissen, Kommunikation und Handlung keine eigene Wirklichkeit besitzen, sondern selbst reine Konstruktionen sind ... Wenn alles eine Konstruktion ist, warum kann man dann nicht die einzelnen Elemente nehmen, neu und anders arrangieren, mit ihnen spielen, Szenarien schaffen, Visionen entwickeln, Zukunft produzieren? ... wobei auch unsere Auffassung von Zeit als stringent linearem Ablauf aufgehoben und eine Vision paralleler Geschichten entworfen wird.

 

Gillicks Entwurf einer Synchronschaltung verschiedener Zeiten, Entwicklungen und Ideen von einem Ort in der Vergangenheit aus der Perspektive von heute ist zweifellos ein geistiger Befreiungsakt von dem scheinbar absoluten Konzept der Zeit als ausschließlich vorwärts gerichteter Bewegung.

 

In der Einleitung zu den Mille Plateaux verwenden Gil Deleuze und Felix Guattari das Bild des Baums um die klassische Denkstruktur der abendländischen Kultur zu veranschaulichen. Eine Denkstruktur, die nach Meinung der Autoren ausgelaugt ist. Als Alternative zum überkommenen Modell des Baums, schlagen Deleuze und Guattari das aus der Biologie entlehnte Modell des Rhizoms vor. Rhizom ist ein naturwissenschaftlicher Begriff für Wurzelstrukturen, wie sie etwa bei Pilzen, Knollengewächsen oder Zwiebeln auftreten.

 

Im Unterschied zur Struktur des Baums, der sich stets durch zweigeteilte Spaltung erweitert, und bei dem daher jeder Punkt innerhalb der gesamten Ordnung eindeutig festgelegt ist, kann bei einem Rhizom jeder Punkt mit einem beliebigen anderen Punkt innerhalb des Rhizoms verbunden werden. Auf diese Weise entsteht eine „Mannigfaltigkeit", ein Spielraum und eine Beweglichkeit, die - bezogen auf Denkstrukturen - Heterogenität zulässt und neue Muster ermöglicht. Das Bild des Rhizoms wurde im Bereich der zeitgenössischen Kunst und auch der neuen elektronischen Musik häufig verwendet um alternative Modelle zu bezeichnen ... Nicht dass dies als ein Ziel oder eine Absicht des Künstlers behauptet werden soll, doch die Anlehnung an das Modell von Deleuze und Guattari hilft aufzuzeigen, wie weit sich das künstlerische Denken von Liam Gillick über eine herkömmliche Konzeption von Repräsentation hinweggesetzt hat.

 

Susanne Gaensheimer
Im Katalog anl. der Ausstellung Liam Gillick, Oktagon
September - November 1999
Frankfurter Kunstverein

Gillicks Aussagen formen ein Gewebe, das ein Werk umfließt und mit Möglichkeiten auflädt ... vielleicht sind jene Bewegungen des Ausweichens und Offenhaltens tatsächlich nötig um Kunst davor zu bewahren, als Illustration von etwas zu enden. So entgeht sie jener Falle des Zeigens und Verstehens, die ihr unser gegenwärtiges Regime von Kuratoren und Pädagogen immer wieder stellt.

Stefan Heidenreich


In: Unser Mann für Venedig
FAZ vom 14. Februar 2009

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