Jannis Kounellis, 1936

Das Bett, Ort der Ruhe und Entspannung, wird durch die zischende Flamme zum Ort der Qual. Die Flamme hat natürlich nicht nur diese bedrohende, gefährliche Dimension, sondern indem sie Wärme abgibt, auch eine positive Seite. Die Flamme ist zerstörend, aber auch reinigend, sie steht auch für das Spirituelle, das hier im Brennen ein Material unsichtbar auflöst und entschwindet.

 

Allen diesen Arbeiten mit der Flamme ist höchste Präsenz eigen, da sie die Sinne des Betrachters mehrfach bannen....

 

Die Spuren, welche Kounellis festzuhalten und aufzuzeichnen sucht, nehmen neben all den genannten Gegenständen, Tieren und Pflanzen, Menschen und dem Element Feuer, ebenso auch Fragmente antiker Kunst auf. Kounellis verwendet diese Kunstwerke in seinen Arbeiten aus einem Selbstverständnis heraus, demzufolge ihm als Künstler des Abendlandes diese tradierten Stücke gehören wie die eigene Sprache. Es sind keine zitatmäßigen Übernahmen, sondern diese Fragmente entspringen der gleichen Sprache, in der Kounellis auch die anderen bildmäßigen Objekte und Elemente aus der Natur verwendet.


Häufig zeigen diese Gipsfragemente antiker Skulpturen auch Rußspuren, die als Zeichen von Zerstörung gelesen werden können. In einigen Arbeiten verbinden Tücher die Augen der Gipsköpfe, machen sie blind. Sie können nichts mehr sehen, aber auch der Betrachter kann nicht mehr in ihre Augen blicken, kann nicht mehr das „Innere" ergründen, zu dem die Augen als „Fenster der Seele" Zugang böten....

 

„Tradition ... kann nicht vererbt werden und wer ihrer teilhaftig werden möchte, muss sie sich mit großer Mühe selbst erarbeiten. Zuallererst setzt sie den historischen Sinn voraus ... und der historische Sinn setzt seinerseits voraus, dass man nicht nur das Vergangensein der Vergangenheit, sondern auch ihr Gegenwärtigsein deutlich spüre ... Dieser historische Sinn, der eine Art Organ ist, genauso für das Zeitlose, wie für das Zeitgebundene in ihrer Durchdringung - erst er bindet den Dichter (den Künstler) an die Tradition. Zugleich ist er es, der einem Dichter (Künstler) das deutliche Bewusstsein seines Platzes in der Zeit, seines Zeitgenossentums vermittelt.

 

T.S. Elliot
Tradition und individuelle Begabung, 191
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Helmut Friedel
Spuren der Erinnerung
im Ausstellungskatalog Jannis Kounellis
Städt. Galerie im Lehnbachhaus München
27. Februar - 7. April 1985

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