Mathieu Mercier, 1970

Viele von Mathieu Merciers Werken entlehnen ihre Bestandteile aus zwei verschiedenen Welten, die auf den ersten Blick nicht miteinander in Verbindung stehen, die aber dennoch gemeinsame Eigenschaften aufweisen: das Museum und der Supermarkt.


Die Rivalität zwischen beiden ist nichts Neues. Bereits Baudelaire hatte bemerkt, dass Handelsobjekte durchaus eine Beziehung zu Kunstobjekten hätten, dass das Interesse, welches Erstere erweckten, von der gleichen Art sei, welches Letztere hervorriefen.

 

Mathieu Merciers Beziehung zu den Gegenständen des täglichen Lebens ist frei von Komplexen und zeichnet sich durch seine Unvoreingenommenheit aus.
Mit einem vollständigen Werk zur Kasse des Geschäfts zu gehen und es anschließend im Museum auszustellen, ist keine ironische Geste, sondern vielmehr das Ergebnis einer Suche nach dem, was die Objekte sind, wenn sie erst einmal ihrer Grundfunktion entledigt worden sind, nämlich: Formen.

Es handelt sich hier folglich nicht um ein Readymade, jene hochtrabende Antwort der Kunst auf die Ware, oder um die Aneignung der Ware seitens der Kunst, was ihr fremd ist, sondern vielmehr um eine aufrichtige Beziehung zu den Objekten, eine Beziehung, die nicht aus einem Konflikt oder einer Konkurrenz zwischen beiden erwächst, sondern die eine gegenseitige Bereicherung erzeugt, so, wie sie auch durch ein Gespräch entstehen könnte.

Man könnte sagen, der Künstler sei auf der Suche nach einem absoluten Objekt, einem Objekt, das weder der Kunst noch dem Design, noch der Industrie oder dem Massenkonsum angehört, das sich aber am Scheideweg all dieser möglichen Bestimmungen eines Objekts befände.

Seine Werke haben somit einen undefinierbaren Status.


Sans titre, 2006, eine Baseball-Schutzmaske kann ebenso gut aus einem Science-Fiction-Film wie auch an eine monströse Erscheinung der Natur erinnern.


Sans titre, 2007, - Rundstämme aus Stahl, die mit der neuen Farbskala der Automobilindustrie bemalt sind - beschreibt zugleich ein Feld mit abgeholzten Bäumen, denkmalgeschützte Säulen auf einer archäologischen Ausgrabungsstätte oder einen einfachen Parkplatz.

 

Es handelt sich hier um mehrdeutige Objekte. Ihre Mehrdeutigkeit ist transparent: Indem an die eine Form eine neue Form, die ihr entsprechen kann, angegliedert wird, wird vom Betrachter erwartet, dass er über die Fähigkeit verfügt, in sich selbst andere Formen entstehen zu lassen.

 

Kurz gesagt: Man erwartet, dass der Betrachter ebenfalls ein Gedächtnis der Formen besitzt.

 

Julia Garimorth
In: Katalog Kunsthalle Nürnberg, 2008

Mercier gehört zu den - nicht allzu zahlreichen - Künstlern, die heute beide Bereiche, Produktion und Konsum, in Beziehung setzen, wobei der Künstler die Regel des „1 + 1 = 3" anwendet, auf die er hinweist.

 

Vincent Pécoil
In: Katalog Kunsthalle Nürnberg, 2008

Homonculus, 2007 basiert auf einem wissenschaftlichen Modell, das den Empfindlichkeitsgrad des Nervensystems in eine proportionale Darstellung des Körpers übersetzt, sodass besonders sensitive Körperteile wie die Hände oder die Lippen vergrößert sind, während andere Körperregionen kleiner erscheinen.
Interessante Kunstwerke sind nicht bloß eine Mischung aus Reflexion und Gefühl, sondern eine Reflexion über Empfindungen.

 

Jörg Heiser
In: Katalog Kunsthalle Nürnberg, 2008