Mario Merz, 1925 – 2003

Um die Mitte der 60er Jahre hatte der 1925 in Mailand geborene Mario Merz (der wie Anselmo, Paolini, Penone und Salvon in Turin lebte) die Grenzen der Malerei erkannt und begonnen, Objekte in den Raum zu stellen. Aus der Beobachtung der Natur, in der sich »die Elemente gegenseitig durchdringen«, leitete er die Idee ab, »eine Skulptur zu machen, die nicht fixiert und nicht geometrisch ist, ... die in ihrer spezifischen Beschaffenheit eine Energie hat, die sich in einer Umwandlungsaktion von einem energetischen Element in ein anderes transformiert«. Es entstanden die ersten mit Neonstäben durchbohrten Gegenstände: »In den Jahren 1966/67 machte ich merkwürdige Sachen. Ich nahm z.B. meinen Regenmantel und durchbohrte ihn mit einer Neonlanze, Durchdringung eines undurchsichtigen Stoffs mit Licht. Bei solchen etwas dramatischen Kombinationen bin ich mir des Ergebnisses sicher ... Die ersten Regenmäntel« (der erste befindet sich in der Sammlung FER) »und die umgestülpten Flaschen der ersten Objekte sind keine Fundsachen.«


Im Zusammenhang seiner Arbeiten mit Neon und seiner Untersuchungen natürlicher Veränderungsprozesse stieß Merz gegen 1970 auf Fibonaccis Wachstums-Progression, die er seitdem in fast allen Werken als bis ins Unendliche erweiterbare Additionsreihe (1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21 usw.) aus Neonzahlen, Spiralformen oder Dingprogressionen variiert. Diese Reihe beschreibt die organische »beschleunigte Expansion«, die für Merz zum Symbol für Denken, Verändern, Entwickeln wird. Das Vertrauen in die Natur und das Vertrauen in die Progression sind identisch«; »die Fähigkeit zu verstehen, dass die Materie sich weiterbewegt und folglich entwickelt« ist die Basis jeder Lebensphilosophie. »Das heißt, der Mensch wird sich seiner selbst bewusst in dem Moment, in dem er intuitiv oder rational den Sinn der Progression erfährt. « Um diese Erfahrung in der Kunst herbeizuführen, schließt Merz die Progression in eine mythische Bildwelt ein und verbindet sie z.B. mit dem archaischen Tier, »der Nacht der Menschheit.« Seine Darstellung ist zugleich die Darstellung von Geschichte und damit - nach Merz - die Besinnung auf die bestimmenden Kräfte. So ist es auch mit »Vento preistorico dalle montagne gelate« (Prähistorischer Wind aus den vereisten Gebirgen; eines der ersten Werke, in denen Merz die Malerei wieder aufnahm. Der >prähistorische Wind< ist etwas, was dem Wind seine rein physische Seite nimmt, um ein Gefühl für die Zeit zu geben, die jeder Mensch in sich hat; das Gefühl der prähistorischen Zeit ist der Eindruck einer riesigen Zeit, die sich wie eine Art Wind manifestiert.

 

»Mein Werk ist immer mit der Zeit verbunden, mit dem Gefühl der Zeit, das manchmal im Widerspruch zum Realismus der gegenwärtigen Zeit steht und eher einer Metaphysik der Zeit ähnelt.«

 

Merz, der durch Beobachten (»meine Kunst der Beobachtung«) zu begreifen und durch Tun (»Bauen«) zu verändern strebt, verweist auf organische Prozesse als auf die Verbindlichkeit des Lebens schlechthin. Er benutzt mit Nachdruck aus der Natur abgeleitete Ordnungsprinzipien - wie er sie in der Wachstums-Zahlenreihe des mittelalterlichen, Fibonacci genannten Mathematikers Leonardo da Pisa fand -, um eine zunehmend von den »Wurzeln«, den durch die Natur bestimmten Lebensformen sich entfernende Gesellschaft zu »orientieren«: »Der Leere des Technik-Menschen von heute muss eine sehr weit zurückliegende Nicht-Leere entgegengesetzt werden.«

Dennoch ist seine Kunst nie demonstrativ oder didaktisch.

 

Christel Sauer
Katalog DIE SAMMLUNG FER - THE FER COLLECTION
Köln, 1983

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