Giulio Paolini, 1940

Es gibt keine Kunst jenseits einer Aussage über die Kunst selbst, auch dann nicht, wenn sich andere, wie immer geartete Intentionen damit verquicken, sich darüber lagern oder sie sogar vollkommen verdecken. Kunst hat sich selbst dann noch zum Thema, wenn sie sich sogar expressis verbis ausschließt. Kunst definiert zwangsläufig Kunst.


Die von Paolini gebrauchten Materialien sind Transportmittel ohne gestalterischen Eigenwert, gleichgültig, ob es sich um Keilrahmen, Leinwände, photographische Ablichtungen, Metallplättchen, Notenständer, Zeichnungen oder was auch immer handelt.

 

Auch die Gipsabgüsse und Reproduktionen von Werken aus der Geschichte der Kunst haben bei Paolini keinen anderen Stellenwert. Die Materialien wechseln nahezu sprunghaft und lassen jede Kontinuität vermissen. Nicht das Gestalt-Formale liefert den roten Faden im Werk von Paolini, sondern das Denk-Formale. Sein »Stil« ist denkformaler Natur. Diese Natur - und nur diese - durchzieht kontinuierlich sein Werk und macht jede Arbeit als die seine erkennbar.

 

Er greift in seiner Machweise immer wieder zu den einfachen Mitteln Gegenüberstellung, Umkehrung, Spiegelbildlichkeit. Dieses dialektische Spiel kehrt stets wieder: links - rechts, positiv - negativ, Vorderseite - Rückseite, Dargestelltes - Darstellung. Er lässt gern ein Gegebenes umschlagen; nicht unbedingt in sein Gegenteil, sondern auch in sein Gegenüber. Negativ ist nicht Folge von Positiv, Rückseite nicht Folge von Vorderseite oder Darstellung nicht Folge von Dargestelltem. Es ist eine Partnerschaft ohne Sonderansprüche. Selbst dann, wenn es materialiter kein Gegenüber gibt, wie zum Beispiel »Giovane che guarda Lorenzo Lotto«, wird der Betrachter eben selbst als die dialektische Komponente mit einbezogen.

 

»Kunst über Kunst« heißt bei Paolini gerade in den Arbeiten, in denen er sich der Reproduktionen aus der Kunstgeschichte bedient, damit sich ihre medialen Mechanismen freisetzen: Vordringen in die Seinsweise von Kunst überhaupt; denn Kunst konstituiert sich nicht nur vom Künstler her. An ihrer Entstehung sind Produzent wie Rezipient gleichermaßen beteiligt. Kunst ist schlechterdings ohne Konsensus nicht möglich. Paolinis »Kunst aus Kunst« (»Kunst mit Kunst«)-Werke legen Teile des Mechanismus frei, der den Konsens trägt, der ihn aber auch in Frage stellt. Kompromisslose Kritik zeichnet sein Werk aus und lehrt sehen: »Kunst über Kunst«.

 

Johannes Cladders

Das von Paolini als (kunst-)problematisch empfundene Thema Identität und deren enigmatischer Charakter wird heraufbeschworen durch Et quid amabo nisi quod aenigma est?, wo der Titel - auffallend direkt und exakt - den »Inhalt« bezeichnet. (Es handelt sich bei dem Zitat um den Titel eines Selbstporträts von De Chirico aus dem Jahre 1911). Zugleich verpflanzt Paolinis Banner eine existentielle, nicht einmal auf Beantwortung zielende Frage aus dem intimen Bereich persönlicher Kontemplation sprichwörtlich auf die Straße und setzt sie einem fremden Kontext aus, kehrt sie von innen nach außen.

 

Mit »Chimära« bezeichnete die griechische Mythologie ein dreigestaltiges bzw. dreiköpfiges Ungeheuer; die Wissenschaft übernahm die Bezeichnung für Organismen, die aus genetisch uneinheitlichen Zellen aufgebaut sind.

Paolinis Chimera ist eine Demonstration der Gleichzeitigkeit verschiedener räumlicher und imaginärer Ebenen.

 

Realität und Schein gehen eine Verbindung ein und sind nur gemeinsam »lesbar«. Darüber hinaus ist das Werk eine Beschreibung seiner selbst, aber ebenso die Definition einer - denkbaren - Raumwirklichkeit.

 

Zwei halbe Säulen, deren Enden (?) sowohl Kapitell wie Basis sein könnten, d.h. »Oben« und »Unten« werden austauschbar und sind gleich-gültig. Auf zwei Spiegel gesetzt, erscheint in jedem der beiden Spiegel die Illusion, eine Säule ruhe auf der anderen. Dabei komplettiert sich die Säule im einen Falle, während sie im anderen zu einer Art janusköpfigen, sowohl in die Tiefe wie in die Höhe weisenden »sinnlosen« Konstruktion wird: Illusion einer nicht vorhandenen Illusion. Man könnte fragen, ob dann die Illusion die Wirklichkeit verifiziere oder umgekehrt.

 

Mimesis, griechisch für Nachahmung, bezeichnet bei Platon das ontologische Abhängigkeitsverhältnis der konkreten Gegenstände von Ideen: nur die Ideen sind im eigentlichen Sinne wirklich, und die Dinge sind nur insofern erkennbar, als sie Abbilder der Ideen sind. Bei Aristoteles hingegen versteht sich Mimesis nicht einseitig als Nachahmung, sondern zugleich als antizipatorische Darstellung bzw. Präsentation idealer Situationen, Lebensweisen und -haltungen.

 

Paolinis Kunst reflektiert Kunst als geistigen Entwurf und dessen historische Dimension. Aus dieser Dimension versucht sie ihre eigene Identität abzuleiten. Immer lässt sich ein Bezug entdecken: jedes Werk hat ein Gegenüber, an dem es sich zu verifizieren sucht. So sind Raum und Zeit Koordinaten in Paolinis Beschäftigung mit seinem zentralen Thema, dem Sehen.

Entsprechende Bedeutung gewann in seinem Denken die Idee der Perspektive; räumlich, zeitlich und mental. In ihr stellt sich nicht zuletzt schlüssig eben jener Weltentwurf dar, der dem abendländischen Kulturbegriff bis heute zugrunde liegt; durch die Entwicklung der Perspektive gelangte die Welt der Kunst erstmals in ein prüfbares Verhältnis zur Welt der Dinge. In ihr spiegelt sich die ganze Idee individuellen Bewusstseins, indem der einzelne aus seiner kreatürlichen Eingebundenheit heraustritt und sich »der Welt gegenüber« sieht. Damit verbunden allerdings ist die Erkenntnis, dass die - perspektivisch gesehene - »Ordnung der Dinge im Raum« niemals eine absolute, sondern immer eine an den Punkt gebundene ist; niemals können zwei Betrachter zur selben Zeit dasselbe sehen. Das heißt, das Hier und Jetzt, die individuelle Sicht einer Situation ist im letzten nur mitteilbar als Darstellung, während der Moment selbst bereits in der fliehenden Zeit versunken ist.

 

Paul Maenz

Der »Blick« eines Bildes oder einer Skulptur ist nicht auf den Künstler oder andere gerichtet, er erlaubt weder einen noch mehrere Gesichtspunkte; er reflektiert in sich selbst die Frage nach der eigenen Präsenz oder Abwesenheit.

 

Giulio Paolini

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