Rob Scholte, 1958

Untitled, (Nachtwache aus der Serie Embroidery), 2008 Stickerei, 9 Objekte verschiedener Größe Untitled, (Nachtwache aus der Serie Embroidery), 2008 Stickerei, 9 Objekte verschiedener Größe

Das von holländischen Frauen - nach Vorlage - selbst gestickte „Schöne", hatte einst die Wände kleinbürgerlicher Wohnzimmer geziert. Was der Blick von fern als die „Nachtwache" wiedererkennt, wird aber nun von nah betrachtet, zu einem Gewirr bunter Fäden, die kreuz und quer über die Fläche wuchern.


Denn der 1958 in Amsterdam geborene Scholte hat die Stickbilder einfach umgedreht, wir blicken auf die Rückseite.

 

Schon seit dem Impressionismus kennen wir das Phänomen, dass man ein Bild aus der Nähe als Anhäufung bloßer Farbflecken wahrnimmt, die sich erst aus der Ferne betrachtet zu einem konturierten Eindruck zusammenschließen.

Das Zutun des Künstlers ist minimal: sammeln, umdrehen, signieren (auf der nun mit Holz verdeckten ehemaligen Vorderseite). Gute Konzeptkunst zeichnet sich durch Einfachheit aus, in der einfachen Geste besteht ihre Eleganz. Was auf der Vorderseite einmal als schönes Produkt erschien, zeigt auf der fusseligen Rückseite die Spuren der Arbeit, die im Produkt verschwunden waren und mit ihr das Prozesshafte, das Lebendige. Die ideologiekritische Dimension dieses ebenso intelligenten wie sinnlichen Konzepts besteht in der Umkehrung der „schönen" Vorderseite und der Entdeckung der „hässlichen" Rückseite: hier ist die Wahrheit, echte lebendige Malerei. Die Rückseite gleicht einem Blick hinter die Bühne.


Burkhard Brunn
Verdeckte Ermittlung
Artnet, 10. November 2008