Sturtevant, 1930

Durch die Doppelung des Vorhandenen erreicht Sturtevant eine absolut verblüffende Wirkung, so dass man die Frage des amerikanischen Kunstkritikers Alan R. Solomon: »Is it a flag or is it a painting?« umwandeln könnte in: »Is it a Johns or is it a Sturtevant?« Die Künstlerin selbst sagt: »The brutal truth of this work is that it is not copy«. Wie zuvor keine andere Künstlerin insistiert Sturtevant mit ihren Arbeiten auf die Frage nach dem wahren Wert von Kunst im Kunstbetrieb, der Autorenschaft, der genuinen Schöpferrolle und stellt die Begriffe Original und Originalität zur Disposition.

 

Die Kommunikation über Kunst geschieht dabei heute vor allem über die Reproduktion. Das verschafft ihr eine eigene Qualität, die auf die Produktion von Kunst zurückwirkt: Nur was in der Reproduktion attraktiv ist, ist auch als Original begehrenswert. Wertschätzung und Marktwert hängen von ihr ab. Zu »Ikonen einer Kultur« können nur die Werke werden, die sich als Reproduktion bewährt und durchgesetzt haben.

 

Auf diese Beziehung von Original und Reproduktion, von Authentizität und Simulation spielt das Werk von Elaine Sturtevant an. Ihre Nachschöpfungen von Werken aus dem Kanon der modernen Kunstgeschichte - Johns Double Flag und Duchamps Bicycle Wheel oder Beuys Fat Chair - kehren das Prinzip der Reproduktion um und erheben - re-produziert- den Anspruch, wieder ein Original zu sein. Mit »Aneignung« und »Simulation« ist dies bezeichnet worden. Aber auch der Begriff »Realismus« trifft zu. Denn statt Natur wird ein Kunstwerk zur Vorlage. Die zweite Wirklichkeit tritt an die Stelle der ersten. Ihre erneute Re-produktion ist Ausgangspunkt für einen Prozess, der ins Unendliche verlängert werden könnte.

 

Sturtevants Arbeiten berühren nicht nur die Frage nach Original und Reproduktion, sondern auch die nach dem »geistigen Eigentum«. Kunstwerke sind aus ihrer Perspektive allgemeiner Besitz - wie Wolken. Erfinden und Re-produzieren sind gleichwertige Formen künstlerischer Produktivität.

 

Wolfgang Max Faust - Die offene Gegenwart
Eine Avantgarde-Galerie und die Kunst unserer Zeit, 1970-1980-1990
Paul Maenz, DuMont Buchverlag, 1991

Noch einmal:

 

Es geht bei Sturtevant nicht um malerische oder bildhauerische, formale oder inhaltliche, ästhetische oder soziokulturelle Probleme (alles Themenkreise, die das 20. Jahrhundert mehr oder weniger beschäftigt haben und die Sturtevant als historische bzw. qualitative Eckdaten durchaus bewusst sind - sie spricht nicht umsonst so oft von References) sondern um eine Kunst über Kunst, nicht vordergründig, weil sie existierende Kunstwerke verarbeitet, sondern auf einer weiteren höheren Ebene: Die Idee von Kunst, was hinter der Oberfläche stecken könnte, die Tiefenstruktur, das was sie irgendwo die stille Kraft der Kunst nennt.

 

Gerd de Vries im Interview mit Lena Macculan
Sturtevant - Katalog Raisonné, 1964/2004